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Rund ums Auricher Milchhäusle

Die Einwohner des Dorfes Aurich im Kreuzbachtal bestritten bis vor etwa einem halben Jahrhundert ihren Lebensunterhalt fast überwiegend mit der heimischen Landwirtschaft. Im Ort gab es zwar noch einige wenige Handwerker, die aber auch nebenher eine kleine Landwirtschaft betrieben. Nur vereinzelte Familien lebten ausschliesslich vom Verdienst des Mannes, der in Vaihingen oder Enzweihingen in einem der dortigen Betriebe (Leimfabriken, Baresel, Ziegelei und Papiermühle in Enzweihingen, Sägewerk Rieter Tal) arbeitete. So befand sich fast in jedem Hause oder Scheuer auch ein mehr oder weniger grosser Viehstall; es existieren noch insgesamt rund 80 viehhaltende bäuerliche Betriebe. Die durchschnittliche Grösse betrug um die vier bis sechs Hektar an Äckern und Wiesen. Nur wenige Betriebe in Aurich bewirtschafteten zehn Hektar und mehr an Eigen- und Pachtfläche. Das Vieh - Ochsen oder meistens Kühe - wurde hauptsächlich als Zugvieh für die anfallenden Arbeiten eingesetzt; Pferde konnten sich nur wenige Bauern leisten. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mussten die Landwirte ihre Pferde an die deutsche Wehrmacht abgeben, so dass nur noch Rindvieh als Zugtiere eingespannt werden konnte. Da die Kühe aber auch noch Milchlieferanten waren, sowohl für den Eigen- als auch für den Fremdverbrauch, war es wichtig, die Milch an den Mann/Frau zu bringen. Bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts entrahmte die Bäuerin die Milch und bereitete selbst Butter daraus. Meist ging sie dann am Samstag nach Vaihingen auf den Wochenmarkt, um dort u.a. auch die (schwäbisch: den) Butter zu verkaufen. Gelegentlich kam es vor, dass neugierige Käuferrinnen mit dem Fingernagel ein Versucherle von der Landbutter abschabten. Das war ärgerlich für die Bauersfrau, denn sie musste dann am Marktplatzbrunnen mit Hilfe von Wasser die Kratzspuren wieder beseitigen. Weil im (entfernten) Pforzheim auf dem Wochenmarkt alles teurer verkauft wurde als im (nahe gelegenen) Vaihingen, erklärte sich ein Auricher Ehepaar bereit, samstags mit dem Leiterwägele Butter sowie Eier nach Pforzheim zu bringen, weil dort mehr zu verdienen war. Allerdings mussten sie sich bereits frühmorgens um drei Uhr zu Fuß auf den Weg machen, um gegen sieben Uhr in Pforzheim zu sein. Einmal wurde es dem Mann dann doch zu viel. Er ging auf die Bühne und pinkelte zum Dachfenster hinaus, wobei er rief: "Marie, heut' könne mer nid nach Pforze gehe, es regned!" Bereits vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) hatte die Familie Maisch bei der Mühlbrücke eine private Milchsammelstelle eingerichtet. Das Familienoberhaupt brachte die abgelieferte Milch täglich mit dem Pferdefuhrwerk nach Vaihingen ins Milchlädle im alten Schulgebäude an der Heilbronnerstraße, gegenüber dem evangelischen Pfarrhaus. Bauer Maisch fiel im Ersten Weltkrieg, so dass dann die Söhne den Milchtransport übernahmen. Mitte der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erfolgte die Gründung einer "Milchverwertungsgenossenschaft Vaihingen/Enz und Umgebung". Es wurden verschiedene Milchsammelstellen eingerichtet In der Oberamtsstadt Vaihingen war dies in der Spitalstraße (heute Parkplatz vor dem Stadtarchiv) und in Aurich in der Nähe der Kreuzbachbrücke. Die Familie August Scheuermann und Frau Rosa Lächler waren für das Auricher Milchhäusle verantwortlich. Nunmehr konnten die Landwirte morgens und abends ihre Milch abliefern. Diese wurde in Kannen, oder mit dem Leiterwägele zum Milchhäusle geschafft. Jeder Lieferant brachte seine Stempelkarte mit, in die die jeweils abgelieferte Literzahl eingetragen wurde. Die Milch wurde sodann in 40 Liter fassende, verzinkte Kannen gefüllt und bis zum Abtransport nach Vaihingen in ein Wasserbecken gestellt. Erst zu späterer Zeit erfolgte die Installation einer Kühlanlage. Was in Vaihingen nicht als Trinkmilch verkauft werden konnte, wurde entrahmt. Der Rahm kam zur Weiterverarbeitung ins Milchwerk nach Ludwigsburg. Die entrahmte Milch (als Magermilch bezeichnet) wurde entsprechend der Liefermenge an die Landwirte zurückgegeben. Sie wurde meist an die Schweine im häuslichen Stall verfüttert. Die Bauern meldeten ihren Eigenbedarf an Butter und Käse im örtlichen Milchhäusle an, die Rücklieferung fand wöchentlich statt. Butter gab es z.B. in 500 Gramm-Packungen, Käse nach Wunsch. Am häufigsten wurde Romadur hergestellt und auch bestellt. Man sagte ihm nach, "dass er hingehen könne, wohin er wolle, aber zum Vesper hätte er wieder pünktlich zurück zu sein". Jeweils zum Monatsende gab es dann für die Milchbauern das "Milchgeld". Es war bei nahezu allen bäuerlichen Familien das Haushaltsgeld. Wenn die Kühe viel im Arbeitseinsatz waren, gab es natürlich weniger Milch und auch weniger Geld. Abends konnten die Bewohner in Aurich, die kein Milchvieh hatten, ihre Milch gegen Barzahlung im Milchhäusle holen. So war am Abend fast jede Familie im Dorf beim Milchhäusle vertreten. Es war, noch mehr als das örtliche "Bachhäusle", die Informationszentrale der Ortschaft schlechthin, wo alles "durchgehechelt" wurde. Zunächst gab es das schwarze Brett. Hier konnte alles Mögliche notiert und bekannt gemacht werden. Fundsachen, Grundstücks- und Viehverkäufe, Notschlachtungen, Kaufgesuche, aber auch Geburts-, Hochzeits- und Todesanzeigen sowie Beerdigungstermine. Es war guter Brauch, dass bei einer "Leich" von jeder Familie im Ort ein Familienmit81ied dem Verstorbenen die letzte Ehre erwies. So gab es noch Anfang des 20.Jahrhunderts in den Dörfern eine Frau, die einen Todesfall dies in allen Häusern mitteilte, ebenso den Beerdigungstermin: die "Leichensagerin" , auf schwäbisch "Leichesägere".

Zurück zum Milchhäusle im Auricher Ortskern. Die tägliche Milchablieferung wurde vielfach von den Jugendlichen übernommen, gab es doch dort Gelegenheit, Neuigkeiten miteinander austauschen zu können - Radio und Fernsehen gab es nicht, und der "Vaihinger Enz-Bote" wurde aus Kostengründen nicht in jeder Familie gelesen. Zudem gab es hier auch Gelegenheit, erste "Annäherungsversuche" zum anderen Geschlecht zu starten. Wenn dann die Tochter zu Hause lange auf sich warten lie6, machten sich die Eltern Sorge um den Ruf der Tochter. So soll deswegen einmal ein aufgebrachter Vater mit der Peitsche (!) zum Milchhäusle gegangen sein, um seine Tochter "heimzutreiben". Die Buben wollten natürlich den Mädchen mit ihren dargebotenen Leistungen imponieren. Sie nahmen den Deckel von der Milchkanne und schwenkten diese im Kreise, um die Wirkung der Fliehkraft zu beweisen, bis der erste Schwung bzw. die Kraft nachliess und oftmals ein Teil der abzuliefernden Milch verschüttet wurde. Der Haussegen hing dann schief, wenn es die Eltern bemerkten.

Zur Winterszeit, wenn es reichlich schneite (es war früher so ...) , wurden die Milchkannen im Häusle abgestellt; Mädchen und Buben sammelten sich zum Schlittenfahren. Entweder fuhr man die alte Vaihinger Steige hinunter - man lese und staune - oder die Landstrasse von Nussdorf, ab der grossen Linde bis über die Strudelbachbrücke. Die Burschen hatten zwei kleine Einsitzerschlitten (so genannte Bergrutscher) mit einem starken Holzdielen (Maurerdiel) verbunden, wobei der vordere beweglich sein musste. Insgesamt konnten so etwa zehn Personen "rittlings auf dem Schoss" mit dem zusammengezimmerten Bobschlitten fahren. Auf dem ersten Schlitten hatte ein Junge mit Schlittschuhen Platz genommen, um zu lenken. Dabei wurden so hohe Geschwindigkeiten erzielt, dass man unten am Bach kaum anhalten konnte. Einmal stiessen die Schlittenfahrer an das Scheuertor eines Bauernhauses. Die Bäuerin, die bereits mit den Hühnern schlafen gegangen war, erschrak, ärgerte sich über den Krach und leerte geistesgegenwärtig den Inhalt ihres "Pot de chambre" durch's Schlafzimmerfenster auf die Schlittenfahrer hinunter - so rau waren seinerzeit die Sitten! Wenn die Schlittenfahrerei am späten Abend abgebrochen werden musste, lag es durchaus im Bereich des möglichen, dass die Rücklieferungs-Magermilch in den Milchkannen gefroren war.

Aber auch die ältere Generation im Dorf, die die Milch ablieferte, nützte das Milchhäusle zu einem Schwatz oder trug mit bei zum Dorftratsch: Wer gerade mit wem poussierte, wo Nachwuchs zu erwarten war, oder wo schon das "Storchenwägele" (Hanomag PKW der Vaihinger Hebamme Riegel) gesichtet wurde und vieles mehr.

Vor dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Vaihinger Emil Knodel den Milchtransport von Aurich in die Kreisstadt, während des Krieges (1939-1945) erledigte dies Hugo Rapp von Nussdorf mit seinem Holzvergaser-Lkw. Während der Kämpfe im April 1945 gab es keinen Milchtransport mehr nach Vaihingen. Die Milch aus Aurich wurde in den letzten turbulenten Kriegstagen in der Dorfkirche abgeliefert bzw. zum Teil dem Vieh verfüttert. Herr Scheuermann entrahmte mit einer Zentrifuge die Milch und bereitete aus dem Rahm die Butter.

In die Dorfkirche hatten sich zu dieser Zeit viele Einwohner aus Aurich zurückgezogen, um dort vor möglichen Übergriffen der Marokkaner sicher zu sein. Nach dem Ende der Kampfhandlungen in unserer näheren Umgebung transportierte Otto Knodel aus Vaihingen mit seinem Pferdefuhrwerk wieder die Auricher Milch zur Sammelstelle in der Kreisstadt.

Besagter Otto Knodel, Landwirt in der Heiligkreuzstraße, war als ein Original bekannt. Er fragte einmal bei einem Auricher Kollegen an, ob er ihm Linsen besorgen könne (in Aurich wurden , diese speziell angebaut). Gesagt, getan. Am nächsten Tag brachte ihm die Bäuerin ein Leinensäckchen mit Linsen zu seinem Fuhrwerk. Otto nahm die Hülsenfrüchte, legte sie auf den Kutschbock und setzte sich mit seinem Allerwertesten darauf. Die Frau erstaunt: "Ha Otto, was mach'sch denn do?" Worauf dieser in seiner etwas derben Art entgegnete: "Weisch Julie, jetz krieget'se erschst des richdige Aroma!"

Nachdem es wieder Benzin und Dieselkraftstoff ohne Bezugsscheine zu kaufen gab, hatte Herr Simecek mit einem ausgedienten Wehrmachts-LKW den Milchtransport übernommen, später dann Wilhelm Gutbrod und als letzter Transporteur Herr Klingel aus Großglattbach.

Das so genannte Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit mitsamt der Neuorientierung aller Wirtschaftszweige machte auch vor der Landwirtschaft nicht Halt Die Entwicklung und Strukturänderung ging hier immer mehr zu größeren Betriebseinheiten. So gaben auch in Aurich zwangsläufig viele landwirtschaftliche Betriebe zunächst die Viehhaltung auf. Als dann in den 60erJahren des vergangenen Jahrhunderts einige Bauern die Aussiedlung auf der Markung vornahmen, kam Anfang der 70er-Jahre der Zeitpunkt, in der das Milchwerk in Ludwigsburg mit einem speziellen Tankwagen (samt Kühleinrichtung) die Milch bei den Bauern in den einzelnen Ortschaften abholte. Das alte "Dorfmilchhäusle" in Aurich gehörte nunmehr der Vergangenheit an. Es wurde dann auch von der damals noch selbständigen Gemeinde aufgekauft und zusammm mit dem Anwesen Kaag und Schwarz abgerissen, um Platz zu schaffen für den Neubau des Feuerwehrgerätehauses am jetzigen Standort.

Autor: Albrecht Müller